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Eine Missionsgemeinde für Konfessionslose - Die Arbeit der Jungen Kirche Berlin
Best-Practice-Beispiel der 2. Wissenschaftlichen Tagung des Netzwerkes "Gemeinde und funktionale Dienste" am 13./14.2.2004 in Erfurt
von Alexander Garth
A: Konfessionslose im Osten
Immunisiert gegen Religion
Der Friedhof der Missionare
Mission possible: Eine wachsende Gemeinde aus Ex-Heiden
Was muss geschehen, damit Atheisten Christen werden
1. Sie müssen das Evangelium hören in ihrer Kultur
2. Sie brauchen das Beispiel veränderter Menschen
3. Sie brauchen das Beispiel einer ausstrahlenden Gemeinde / Gemeinschaft.
4. Sie müssen Gott erfahren
5. Ihr altes Weltbild muss sterben
B: Wie kann Kirche Konfessionslose erreichen?
Konfessionslose erreichen als Anfrage an die Kirche und uns Christen
Wie in aller Welt könnte eine Missionsgemeinde für Konfessionslose funktionieren?
1. Gemeinde mit einer Sendungsspiritualität
1.1 Das Unmögliche tun (Exousia)
1.2 Abschied von Allversöhnung und Selbstsäkularisierung
1.3 Bekehrungsspiritualität
1.4 Wiederentdeckung der Transzendenz
1.5 Mission ist Konfrontation mit dem Reich der Finsternis
2. Inkulturation des Evangeliums
3. Mission als Paradigmenwechsel
4. Eine Gemeinde der allgemeinen Priester
C: Eine neue Gemeinde, um Konfessionslose zu erreichen
Von den Briten lernen
Am Anfang war das Team
Lizens zum Beten
Über sieben Brücken musst du gehn
1. Von der Jesus-Parties zum Gottesdienst
2. Ein Schnupperkurs Christsein
3. Heartbeat - Ein Multi-Media-Gottesdienst
4. Kleingruppen
5. Freizeiten
6. Sport und Kreativität
7. Missionarische Events im Einkaufscenter
Zum Schluß: Wer soll das bezahlen?
A: Konfessionslose im Osten
Immunisiert gegen Religion
In unserem Land gibt es eine Gruppe von Menschen, die weithin für das Evangelium als unerreichbar gilt. Es sind die Millionen von konfessionslosen Menschen, die von Atheismus und Christentumsfeindschaft made in DDR geprägt worden sind. "Gründlich ausgetrieben", so faßt eine Studie des Hallenser Religionssoziologen Ehrhart Neubert das Resultat der antikirchlichen Propaganda der DDR-Diktatur treffend zusammen. In der Tat sind DDR-sozialisierte Menschen dauerhaft gegen alles Religiöse immunisiert. Sie haben ein wasserfestes Weltbild, das nur sehr schwer zu erschüttern ist. Das Christentum perlt von ihnen ab wie Wasser von einem Ostfriesennerz. Das mussten unzählige missionarische Initiativen aller religiösen Couleur schmerzreich erfahren, als sie sich nach dem Fall der DDR hoffnungs- und glaubensreich aufmachten, um den Osten mit dem Evangelium zu erreichen.
Der Friedhof der Missionare
Als wir im Herbst 1999 mit einem kleinen Team, ein thüringer Pfarrer mit Frau und Sohn im Teenageralter und mit vier jungen Leuten, die einen missionarische Ruf spürten, nach Berlin-Hellersdorf gingen, um dort eine Missionsgemeinde zu gründen, haben wir viel Mitleid ausgelöst bei den Berliner Frommen und Unfrommen: "Hellersdorf - das ist harter Boden, ein Friedhof der Missionar. An die zwanzig missionarische Projekte sind dort schon gescheitert." Faktisch ist dieser Ostberliner Plattenbezirk eine der atheistischsten Gegenden der Welt. Nur 5 % der Menschen gehören einer Kirche an (3% evangelisch, 2% katholisch). Der Prozentsatz bekennender und praktizierender Christen dürfte deutlich unter 1% liegen.
Mission possible: Eine wachsende Gemeinde aus Ex-Heiden
Vier Jahre später ist um die sieben Thüringer herum eine ausstrahlende Missionsgemeinde entstanden mit Namen "Junge Kirche Berlin" als Gemeindegründung unter dem Dach der Berliner Stadtmission (evangelische Kirche). Es ist Sonntag 18 Uhr - Gottesdienstzeit. Ort des Geschehens: Ein ca. 300 Quadtratmeter großer Laden mitten in einem Einkaufszentrum im Ostberliner Plattenbaugebiet Hellersdorf: Ca 140 meist junge Leute singen Loblieder, begleitet von Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Bass. Manche heben die Hände. Andere knien zum Gebet. Buntes Licht wie bei einem Popkonzert durchflutet den Raum. Jubel ertönt. Ein junger Mann geht nach vorn, ergreift das Mikrofon und erzählt, wie er vom Atheismus zu Gott fand. Eine kleine Gruppe führt ein kurzes Theaterstück zum Thema des Gottesdienstes auf. Dann gibt es eine herausfordernde Predigt. Dass man sich in einem Gottesdienst befindet, merkt man an dem beleuchteten Kreuz, an den Texten der Lieder, die von Jesus singen, an den Gebeten der Menschen und an der Predigt, die einlädt, Jesus zu begegnen. Die Location ist schon etwas ungewöhnlich für eine evangelische Gemeinde: die Ladenkirche zwischen C&A und American Grillhouse im 1. Stock der Hellen Passage. Die Kerngemeinde, die sich in zehn Kleingruppen trifft, hat eine Leidenschaft: Konfessionslose und Atheisten mit dem Evangelium zu erreichen. Die meisten Christen dieser wachsenden Gemeinde haben aus diesem Hintergrund zu Gott gefunden. Um die 40 von ihnen haben sich taufen lassen.
Was muss geschehen, damit Atheisten Christen werden?
1.
Sie müssen das Evangelium hören in ihrer Kultur.
Die frohe Botschaft von Jesus Christus muss umgesprochen werden in die Lebens- und Verstehenswelt von Menschen, die dem Glauben und der Kirche fernstehen, so dass sie verstehen können, dass Gott sie liebt und ein Teil ihres Lebens werden möchte.
2.
Sie brauchen das Beispiel veränderter Leben.
Das Leben von Menschen, die zu Christus finden, ändert sich oft ganz positiv: Ehen werden geheilt, Menschen werden frei von Alkohol und Drogen, sie bekommen ihre Probleme besser in den Griff, bringen ihr Leben in Ordnung und hören auf zu stehlen, lügen etc. Diese Lebensveränderung wird von den Menschen im Umfeld staunend wahr genommen. Atheisten, die Zeugen dieser Veränderung werden, suchen nach einer Erklärung und beginnen häufig nach Gott zu fragen. Veränderte Leben sind ein kraftvoller Hinweis auf Gottes verwandelnde Realität. Ohne diese Zeugnisse ist die Verkündigung der Kirche fleisch- und kraftlos.
3.
Sie brauchen das Beispiel einer ausstrahlenden, liebevollen, aufbrechenden und einladenden christlichen Gemeinde bzw. Gemeinschaft.
Konfessionslose halten Kirche und Glaube im allgemeinen für eine irrelevante und überholte Lebensform. Viele unserer Kirchgemeinden, natürlich auch im Osten, haben das Erscheinungsbild eines kleinen, verunsicherten, depressiven Häufchens, das so mit seiner Krise und seiner Minderwertigkeit befasst ist, dass es unfähig ist, die Welt zu erreichen. Konfessionslose werden in ihrem Vorurteil bestätigt, wenn sie Gemeinde erleben als eine angepasste, dem Zeitgeist anheimgefallene und von Selbstzweifeln erfaßte Ansammlung angechristelter Mitbürger oder als ein mit sich selbst beschäftigter, ins fromme Ghetto zurückgezogener Insiderclub.
4.
Sie müssen Gott erfahren.
Atheisten finden nicht zu Gott auf Grund überzeugender theologischer Argumente, sondern sie beginnen nach Gott zu fragen und zu suchen, wenn Sein Geist ihr Herz und ihren Verstand berührt. Das Evangelium muss zu ihnen kommen "nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft, im Heiligen Geist und in großer Gewißheit" (1. Th 1,5). Die Kirche braucht Gottes Vollmacht, damit fragende Menschen durch den Dienst der Kirche die dreifache Grunderfahrung machen: Gott liebt mich. Er vergibt mir meine Schuld um Jesu willen. Er erfüllt mich mit seinem Geist. Diese Erfahrung machen sie z.B. durch Beichte, Handauflegung, Gemeinschaft, Gottesdienst, Gebetsnächte, Taufe etc.
5.
Ihr altes Weltbild muss sterben.
Konfessionslose Menschen haben meistens ein immanent-kausales Weltbild, in dem es keinen Platz für Gott gibt. Atheisten glauben an die Materie, die gemäß ihrer Gesetze alles Seiende hervor gebracht hat. Dieses Weltbild hindert Menschen daran, über Gott und alles Geistliche überhaupt ernsthaft nachzudenken. Menschen, die in diesem Weltbild gefangen sind, müssen die ideologische Enge ihres Denkens überwinden. Erst dann wird für sie der Weg zum Glauben frei.
B: Wie kann Kirche Konfessionslose erreichen?
Konfessionslose erreichen als Anfrage an die Kirche und uns Christen
Finden und erleben Atheisten in der Kirche bzw. bei uns Christen das, was sie brauchen, um nach Gott fragend und suchend zu werden? Was muss mit uns geschehen, damit wir säkulare, postmoderne oder DDR-geprägte Atheisten erreichen können? Welcher Gestalt müssen die Gemeinden als Instrumente Gottes sein, um Atheisten und Konfessionslosen das angedeihen zu lassen, was sie aufrüttelt? Wie muss das Werkzeug beschaffen sein, das Gott für diesen Dienst gebrauchen kann? Können wir überhaupt etwas tun? In einer Fehlinterpretation reformatorischer Kreuzestheologie könnten wir uns achselzuckend zurücklehnen mit dem Hinweis, dass ja doch alles Gnade sei und dass der Herr seiner Kirche Frucht und Gedeihen schenkt nach seinem Wohlgefallen. Was hier fromm klingt, ist doch eigentlich Faulheit und Lieblosigkeit. Wir sind es Gott und der Welt schuldig, ihr den Retter zu bringen. Wir müssen als Kirche und als einzelner Christ bereit sein, säkularen Menschen die Hoffnung glaubwürdig zu bezeugen, die in uns ist.
Wie in aller Welt könnte eine Missionsgemeinde für Konfessionslose funktionieren?
Als wir vor knapp 5 Jahren nach Berlin kamen, da brannte die Frage in den Herzens unseres kleinen Teams: Wie können Atheisten zu Gott finden? Was muss geschehen, damit sie eine Chance bekommen zu entdecken, dass es Gott gibt und dass er sie will. Wie muss unsere Missionsarbeit beschaffen sein, damit sie dieses große Ziel erreicht: eine ausstrahlende Gemeinde, die konfessionslose Menschen mit der kostbarsten Nachricht erreicht? Wir spüren, dass es eine atemberaubende Herausforderung ist, mit Gottes Hilfe ein Instrument zu kreieren, das Konfessionslose erreicht. Aber auf welche Erfahrungen können wir zurückgreifen? Welche Gemeindeaufbaukonzepte könnten Erfolg haben? Welche Modelle haben sich bewehrt? Wir realisierten sehr schnell, dass wir hier Neuland betreten.
1.
Gemeinde mit einer Sendungsspiritualität
1.1 Das Unmögliche tun (Exousia)
Wer Konfessionslose mit dem Evangelium erreichen will, will das Unmögliche. Konfessionslose mit der frohen Botschaft zu erreichen ist ein Wunder. Durch den DDR-Atheismus geprägte Menschen sind dauerhaft immunisiert gegen alles Religiöse. Sie haben ein wasserfestes Weltbild, das nur sehr schwer zu erschüttern ist. Das setzt sich fort in den jungen Menschen, die erst nach der Wende aufgewachsen sind und nicht mehr direkt von der Christentumsfeindschaft des DDR-Atheismus geprägt sind. Um Konfessionslose zu erreichen, ist mehr erforderlich als die missionarische Kompetenz eines "Profis". Konfessionslose müssen das Evangelium hören und erleben in biblischer Vollmacht, in Erweisung des Geistes und der Kraft. Nur geistlich vitale Gemeinden bzw. Gemeinschaften werden Konfessionslose mit dem Evangelium erreichen können. Vollmacht (Exousia) ist eine Gabe des Heiligen Geistes an seine Kirche, weniger an den Einzelnen. Vollmacht entsteht, wenn die einzelnen Christen sich von Jesus rufen und ausrüsten lassen, der Welt das Evangelium in Wort und Tat zu bringen. Die Verkündigung des Evangeliums wird vom Heiligen Geist bevollmächtigt, wenn das Wort der Christen getragen ist von Glaube, Beten, Fasten, zeugnishaften Leben der Gemeinde und von der Liebe.
1.2 Abschied von Allversöhnung und Selbstsäkularisierung
Alle geistlichen Aufbrüche in der Geschichte der Kirche waren inspiriert von der Retterliebe Jesu zu den Verlorenen. Der missionarische Eifer der Christen war getragen von der Überzeugung, dass Menschen ohne Hinwendung zu Jesus ihr Leben verfehlen. Wenn die Kirche die Verlorenheit der Menschen ohne Christus aus den Augen verliert, kann sie ihre missionarische Berufung nicht mehr wahrnehmen und wird sich mit dem Status Quo zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Volk Gottes und heilloser Masse abfinden. In Kirche und Theologie herrscht weitgehend eine schleichende Allversöhnung. Gott wird verharmlost als eine Instanz, die vor allem für Geborgenheit und Sinnfindung herangezogen wird. Die Allversöhnung ist das Resultat einer Selbstsäkularisierung, die unsere Kirche zu paralysieren droht. Wir brauchen eine biblische Soteriologie, die uns wieder die Kraft des Wortes Gottes entdecken läßt und unsere Liebe und Fantasie aktiviert für Menschen ohne Gott.
1.3 Bekehrungsspiritualität
Missionarische Gemeinde zielt auf die Bekehrung des einzelnen zu Jesus, denn "der christliche Glaube ist eine personale freie Entscheidung des einzelnen, oder er ist nicht" (Karl Rahner). Der missionarische Dienst darf sich nicht darauf beschränken, Menschen zum Gottesdienst einzuladen. Vielmehr besteht das Ziel darin, dass aus praktizierenden Atheisten mündige Christen, also Jünger bzw. Nachfolger Jesu werden. Die Frage am ersten Pfingsttag "Was sollen wir tun, um gerettet zu werden?" bekommt eine neue Dringlichkeit. Wenn Konfessionslose vom Evangelium berührt werden, brauchen sie eine zum Zentrum durchdringende Antwort auf die Frage, wie man zu Gott findet oder (wie sie es meistens ausdrücken) wie man Gott erfährt. Zwei Standpunkte verzeichnen die Antwort: Erstens, eine einseitige Betonung der Taufe ohne Reue, Umkehr und Nachfolge Christi. Das ist "billige Gnade" (D. Bonhoeffer), und die führt nicht zur Erneuerung des Menschen aus dem Heiligen Geist. Die Lehre von der Taufwiedergeburt ist eine Irrlehre, die Mission verhindert. Der Taufvollzug macht nicht den Christen, sondern die Annahme dessen, was Gott in der Taufe schenkt. Zweitens: Eine engstirnige Bekehrungsfrömmigkeit, die aus der Bekehrung eine Leistung macht. Die Kirche muss sich neu bemühen deutlich zu sagen, was ein Christ ist und wie man ein Christ wird. Wenn das nicht klar ist, kann schlecht zum Christsein eingeladen werden und Menschen brechen nicht durch zur dreifachen christlichen Grunderfahrung (siehe I.3.).
1.4 Wiederentdeckung der Transzendenz
In der westlichen Welt hat sich das gesamte Konzept religiöser Erfahrung vom Transzendentalen zum Nützlichen und Moralischen hin verschoben. Christus wird geschätzt und verkündet als der, der uns hilft, der unserem Leben einen Sinn vermittelt, Geborgenheit schenkt, unsere Nerven beruhigt, unseren Herzen Frieden und unseren Geschäften Erfolg verleiht. Die alles verzehrende Liebe Christi, die zum Beispiel brennt in den Schriften von Augustinus, Luther, Tersteegen oder in den Leben von Franz von Assisi, den Herrnhuter Missionaren usw., ist unser Spiritualität weitgehend fremd. Die christliche Gemeinde wird Konfessionslose nur erreichen, wenn in ihr diese Flamme der Begeisterung über den Heiland hell leuchtet. Die in den Kirchen gelebte Spiritualität ist weithin gekennzeichnet von Resignation, Gleichgültigkeit und Gesetzlichkeit. Das Heil in Christus froh, mutig und gewiß zu leben und weiterzugeben, muss lebendige Praxis einer missionarischen Gemeinde sein.
1.5 Mission ist Konfrontation mit dem Reich der Finsternis
Wo das Reich Gottes sich ereignet, trifft es auf heftigen Widerstand. Durch den Einfluß der liberalen Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts (besonders durch R. Bultmanns Entmythologisierungprogramm), die die Existenz von Satan in das Reich der Mythen und Legenden verwies, haben weite Teile der evangelischen Christenheit in unserem Land die Sicht für die Realität finsterer Mächte verloren - mit verheerenden geistlichen Folgen. Das Reich des Bösen zu ignorieren, ist eine ideologisch bedingte Naivität, die der Kirche Jesu schadet und ihre Vollmacht mindert, die sie dringend braucht für die missionarischen Aufgaben unserer Zeit. Für Luther und für alle geistlichen und missionarischen Aufbrüche ist die Grundüberzeugung kennzeichnend, dass die Kirche einen realen starken Gegenspieler hat, der von Christus besiegt wurde und den die Kirche überwindet durch Gebet und Verkündigung. Hinter Atheismus und Konfessionslosigkeit stehen spirituelle antichristliche Mächte. Wir werden die Konfessionslosen nicht erreichen, wenn wir diese Mächte ignorieren oder leugnen.
2.
Inkulturation des Evangeliums
Wir setzen nicht auf die Überzeugungskraft von Medien (Rock-Band, Filmsequenzen, Samples, Gospelchor, Anspiel etc.), sondern auf die Kraft des Wortes Gottes. Moderne Medien haben lediglich den Zweck, das Wort Gottes unseren Mitmenschen, die ohne Gott und Kirche leben, verständlich nahe zu bringen. Es ist das Wort vom Kreuz, welches Sünder dazu bringt, ihr Leben in Entfremdung von sich und ihrem Schöpfer zu bereuen und umzukehren, um ein neues Leben zu empfangen. Missionarische Arbeit bedeutet die Inkulturation des Evangeliums. Wir unterscheiden daher konsequent zwischen Form und Inhalt. Wir nehmen das alte kostbare Evangelium (Inhalt) und setzen es um in die Verstehenswelt der Menschen (Form). Kirche, die ihre Botschaft nur einseitig in der Sprache der Hochkultur artikuliert (Orgel, agendarischer Gottesdienst, klassische Musik, akademische Predigten), verzichtet auf das Übersetzen des Evangeliums in die Verstehenswelt vieler Menschen.
3.
Mission als Paradigmenwechsel
Kirche hat keine Mission, Kirche ist Mission. Sie ist Gottes heiliges Instrument, um Menschen in Gemeinschaft mit Jesus zu bringen. Eine missionarische Gemeinde sieht ihre Priorität nicht darin, ihre Kirchenglieder zu betreuen. Sie möchte Menschen gewinnen, die dem Evangelium und der Kirche fernstehen. Kriterium einer guten Gemeindearbeit ist nicht die Frage "Werden die Glieder unserer Kirche richtig versorgt und fühlen sie sich wohl bei uns", sondern "Erreichen wir die Nichtchristen mit der frohen Botschaft und finden sie Heimat in der Kirche und bei Gott?". Die Programme der Gemeinde müssen sich an der Frage messen lassen, was sie wirklich austragen, um fernstehende Menschen mit der frohen Botschaft zu erreichen. Die Umstellung der Gemeindearbeit auf Mission bedeutet einen schwierigen aber unverzichtbaren Paradigmenwechsel. Viele Gemeinden haben durch ihre Fixierung auf religiöse Versorgung ihrer Glieder eine lähmende Bunker- und Insidermentalität entwickelt, die Kirchenferne abschreckt. Viele Gemeinden geben den Hauptanteil ihrer Ressourcen an Kraft, Zeit und Geld für sich selbst aus, nicht aber, um ihre Welt zu erreichen
4.
Eine Gemeinde der allgemeinen Priester
Missionarische Gemeinde ist eine Laienbewegung. Der einzelnen Christ ist der Missionar. Jeder Christ ist vom Herrn berufen und durch den Heiligen Geist begabt, an dem Plan Gottes in dieser Welt aktiv mitzuarbeiten und mit seinen Gaben Jesus und seiner Kirche zu dienen. Der Profichrist (Pfarrer und andere "Berufschristen") ist der Trainer der Christen. Er hat die Aufgabe, die Christen zu motivieren, zu trainieren und zu begleiten, damit sie mündige Christen und vollmächtige Zeugen Jesu in der Welt werden und ihre Gaben entdecken, entwickeln und ausbilden. Für diese Gaben müssen Freiräume und Betätigungsfelder im Leben der Gemeinde geschaffen werden. Das pfarrerzentrierte Modell, dass der Pfarrer sich Helfer sucht, weil er die Arbeit nicht alleine schafft, entmündigt Christen. Gemeindeglieder sind nicht die Helfer des Pfarrers, sondern die Träger des Auftrages Christi. Die Berufung Jesu "ihr sollt meine Zeugen sein", gilt allen Christen. Im Reich Gottes gibt es keine Unterscheidung von Profis und Laien. Es gibt nur Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Berufungen.
C: Eine neue Gemeinde, um Konfessionslose zu erreichen
Von den Briten lernen
Die Missionswissenschaftler haben es bewiesen und die Briten machen es uns vor: Der effektivste (und biblisch verheißungsvollste) Weg, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, besteht in der "Gründung" neuer Gemeinden und missionarischer Gemeinschaften innerhalb bereits bestehender Pfarreien für unerreichte Gebiete und soziale Gruppen. Sie nennen das "Church Planting" (Gemeinde pflanzen). Viele Kirchgemeinden sind faktisch überfordert, ihr Gemeindeleben und ihre Strukturen auf die Gewinnung von entkirchlichten Menschen in ihrem Gebiet umzustellen. Das würde ein radikales Umdenken erfordern.
Am Anfang war das Team
Es gibt nichts ansteckenderes in dieser Welt als im Namen Jesu gelebte Liebe. Von Gott veränderte Leben und eine neue Qualität von zwischenmenschlichen Beziehungen sind der stärkste Hinweis dafür, dass es Ihn gibt und dass er ein machtvoller Gott der Liebe ist. Die Menschen sind es müde, unsere Vorträge und Predigten zu hören. Wir müssen wieder zu ihnen sagen können: "Komm und sieh!" Und wenn sie gesehen haben, sind sie vielleicht bereit zu hören.
Lizenz zum Beten
Wer eine Gemeinde aufbauen will, die Konfessionslose erreicht, braucht Vollmacht. Aber wie bekommen wir diese Vollmacht? Sie ist ein Geschenk. Klar. Wie beschenkt uns Gott? Bittet so wird euch gegeben, sagt der Herr. In der Überzeugung, dass wir keinen einzigen Atheisten für Gott gewinnen können, wurde unsere Missionsgemeinde als eine Gebetsbewegung geboren. Mehrmals in der Woche treffen sich verschiedene Gruppen zum Gebet. Wir organisieren Gebetsnächte, fasten zusammen. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir auf Knien verbracht haben und Gott um die Vollmacht anflehten, die wir brauchen für Menschen mit einem atheistischen Weltbild. Unsere Ladenkirche hat eine prophetische äußere Form. Sie gleicht einem Dreieck. An der Spitze befindet sich der Gebetsraum. Er hat die Gestalt einer Speerspitze. Der Gebetsraum ist der wichtigste Raum unserer Missionsgemeinde. Dort fallen die Entscheidungen. Wenn das Gebet einer Gemeinde stumpf ist, hat die Gemeinde keine Kraft und damit keinen Impact in dieser Welt. Wir haben gejubelt, als die ersten Konfessionslosen zu Gott fanden! Was war geschehen? Jeder hat seine eigene Geschichte. Aber ein Motiv war immer gleich: Gott sandte sein Licht und seine Wahrheit in Menschenherzen. Helen, eine junge hübsche Frau, sitzt in unserem Multimediagottesdienst. Ihr Freund hat sie mitgebracht. Während der Anbetungszeit berührt der Heilige Geist ihr Herz. Sie spürt Gottes werbende Liebe und seine Realität und beginnt, Gott ernsthaft zu suchen. Oder Konstantin, ein kluger, rationaler Informatiker. Er ist angesprochen durch das Lebenszeugnis vieler Christen aus unserer Gemeinde. Er liest in der Bibel und stößt auf die Zeilen: "Bittet, so wird euch gegeben". Er kniet sich allein in sein Zimmer und betet zu Gott: "Wenn es dich gibt, dann will ich zu dir finden". Und er erlebt in jener Nacht das Unbegreifliche, wie Gott seinen Sohn offenbart im Herzen dieses jungen Mannes. Viele Beispiele können folgen. Keiner dieser Menschen ohne Gott fand Jesus, weil unsere Argumente so gewichtig gewesen wären. Sie alle fanden zu Gott, weil Jesus an die Tür ihres Lebens klopfte.
Zwei Fragen haben wir uns betend gestellt: Wie soll unsere Gemeinde in 2 Jahren aussehen, und wen wollen bzw. wen können wir erreichen? Daraus entstand so etwas wie eine gemeinsame Vision, ein Ziel, für das wir beten, leben und arbeiten.
Über sieben Brücken musst du gehn
So singt Peter Maffay. Wir haben sieben Brücken gebaut. Jede soll eine Möglichkeit für Konfessionslose bieten, zu Kirche und Gott zu gelangen.
1. Von der Jesus-Parties zum Gottesdienst
Als wir uns mit unserem kleinen Missionsteam in Hellersdorf nieder ließen, kannten wir niemanden. Daher beschlossen wir, dass jeder in einen Bereich der Gesellschaft geht, der ihm liegt. Martin und Fränk, unsere Musiker, gründeten eine Band, Damaris einen Gospelchor, Carolin und Maria wurden Mitglieder einer Theatergruppe, ich selbst gab ein paar Stunden Religionsunterricht an einer Schule. Mit unseren neu gewonnenen Freunden haben wir dann jeden Sonntagabend eine kleine Party in unser Wohnung gefeiert. Es gab etwas zu essen, handgemachte christliche Musik (Gospel etc.) und ein Thema. Immer mehr Leute kamen zur Jesus-Party, wie wir dieses Treffen nannten. Als der Raum zu klein wurde, zogen wir in die Neubaukirche unserer Kirchgemeinde. Aus der Party entwickelte sich ein Gottesdienst. Als der Platz in der Kirche zu eng wurde, bekamen wir die Ladenkirche. Damit unsere Gemeinde weiter wachsen kann, wollen wir diverse Zwischenwände beseitigen (ungefähr 180 Sitzplätze) und ein benachbartes Restaurant anmieten.
2. Ein Schnupperkurs Christsein
Als die ersten Konfessionslosen fragend wurden, wie man zu Gott finden kann, habe ich einen sieben Abende umfassenden Glaubenskurs namens "Impact entwickelt für Menschen mit einem materiellen Weltbild. Dieser "Schnupperkurs Christsein" setzt sich besonders mit Fragen der Naturwissenschaft auseinander: Woher stammt das Leben? Schöpfung und Evolution? Gottes Existenz und das Weltbild der modernen Physik". Im Zentrum steht dabei nicht Wissensvermittlung über den Glauben, sondern der persönliche Weg zu Gott, den Menschen gehen können. Der Kurs besteht zu einem Teil aus Mitarbeitern, die durch einen der vorangegangenen Kurse zu Gott gefunden haben. Dass Konfessionslose auf ihrem langen Weg vom Atheismus zum lebendigen Glauben Christen als Begleiter haben, die vor kurzem den selben abenteuerlichen Weg gegangen sind, hat sich als sehr hilfreich erwiesen.
3. Heartbeat - Ein Multi-Media-Gottesdienst
Als die ersten mit einem säkularen Hintergrund Christen wurden, haben wir uns mit ihnen zusammen gesetzt und überlegt: Wie müsste ein Gottesdienst aussehen, zu dem ihr eure nichtchristlichen Freunde mitbringen würdet? Das Ergebnis ist Heartbeat, ein Multi-Media-Gottesdienst, designed für postmoderne Menschen ohne Gott und Kirche. Die Botschaft von Jesus Christus wird mit unterschiedlichen Medien artikuliert und illustriert: Filmsequenzen, Gospel-Chor, Band, Ausdruckstanz, Predigt, Samples, Anspiele, Interviews. Zwischen 140 und 220 Menschen besuchen z. Z. Heartbeat. Ein Drittel davon sind konfessionslose junge Menschen, die von ihren Freunden mitgebracht wurden. Heartbeat findet jeden ersten Sonntagabend im Monat statt.
4. Kleingruppen
Damit der Einzelne in einer wachsenden Gemeinde nicht untergeht, haben wir Kleingruppen geschaffen, die sich (im Unterschied zu Hauskreisen) im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst in der Kirche treffen. Jede der mittlerweile zehn Kleingruppen wird von einem Leiter und einem Co-Leiter geleitet. Die Kleingruppenleiter werden vom Leitungsteam herausgesucht und dann vom Pfarrer in einer Kleingruppenleiterschulung ausgebildet und begleitet. Wenn eine Kleingruppe mehr als 11 Leute hat, teilt sie sich. Der Co-Leiter wird Leiter der neuen Kleingruppe, und er bekommt einen neuen Co-Leiter. In den Kleingruppen werden Anregungen aus der Predigt besprochen sowie persönliche Neuigkeiten ausgetauscht, und es wird füreinander gebetet. Für die Gäste in unseren Gottesdiensten besteht die Möglichkeit, sich in einer Gastgruppe zu treffen. Die Kleingruppenleiter treffen sich einmal im Vierteljahr zu Austausch und Schulung. Man muss noch nicht Christ sein, um zu einer Kleingruppen gehören zu können. Es genügt, wenn man die Kleingruppenwerte unterstützt: Verbindlichkeit, Offenheit, Engagement, Bereitschaft, sich zu verändern.
5. Freizeiten
Gemeinsam den Alltag zu entfliehen, um einige Tage Leben miteinander zu teilen und Gemeinschaft zu erleben, ist eine wunderbare Chance, sein Leben neu zu ordnen. Wir veranstalten jedes Jahr mehrere Freizeiten. Dabei geht das Spektrum von Bibelfreizeiten bis hin zu Abenteuerfreizeiten. Immer wieder finden Nichtchristen in dieser Zeit Zugang zur Wahrheit Jesu.
6. Sport und Kreativität
Traditionelle missionarische Methoden wie z.B. evangelistische Einsätze, Straßenpredigten, Hausbesuche, Telefonaktionen etc. sind in den Ostberliner Plattenbaubezirken wenig sinnvoll, da die meisten Menschen zu sehr entfremdet sind von Gott und Kirche. Sie brauchen niederschwellige Angebote, die ihnen die Chance geben, sich Glauben und Kirche aus Distanz zu nähern.
Einige Menschen haben durch kreative Arbeit Zugang zur Gemeinde und zu Gott gefunden. Die musikalisch Begabten engagieren sich im Gospelchor und im Lobpreis-Ressort, das für die Gottesdienstmusik zuständig ist. Mitarbeiter und Aspiranten werden in Gitarrenkursen etc. geschult. Weitere Ressorts sind das Webteam, das unseren Internetauftritt gestaltet (www.heartbeat-berlin.de), eine Ausdruckstanzgruppe, die Theatergruppe (Anspielteam) für kurze Spielszenen zu Gottesdienstthemen und anderen Gemeindeevents, das Dekoteam für die Gestaltung der Ladenkirche, das Technik-Ressort (Sound & Beleuchtung), das Mulitmediateam und das Bistro-Ressort.
Wir haben uns eine Beach-Volleyball-Anlage gekauft und spielen von Frühling bis Herbst auf einem öffentlichen Platz vor unserer Ladenkirche regelmäßig Volleyball. Dabei sind vielfältige Kontakte zu konfessionslosen jungen Leuten entstanden. Einige von ihnen besuchen unsere Gottesdienste und nehmen an den Gemeindefreizeiten teil.
7. Missionarische Events im Einkaufscenter
Mit verschiedenen Veranstaltungen gehen wir immer wieder an die Öffentlichkeit, um Kontakte zu schaffen. Der Ort: eine moderne Glaskuppelhalle im Einkaufszentrum. Zu Gast waren bekannte Künstler aus der Gospelszene. Jeden Heilig Abend feiern wir dort ein einen mitreißenden Weihnachtsgottesdienst mit allem, dazu gehört: Gospel-Chor mit Band, ein Krippenspiel, klassische und moderne Weihnachtslieder und eine kurze, zupackende Weihnachtspredigt. So sind Kontakte zu Menschen entstanden, die durch diesen Weihnachtsgottesdienst angestoßen wurden, am Leben unserer Gemeinde teilzunehmen und Christen zu werden.
Zum Schluss: Wer soll das bezahlen?
Na wer wohl? Die Christen! Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass Mission hierzulande einiges kostet. Zwar gehören wir zur Evangelischen Landeskirche. Aber als Projektgemeinde der Berliner Stadtmission bekommen wir keine Kirchensteuermittel, lediglich ein paar freundliche Zuschüsse für die Betriebskosten der Ladenkirche. Finanziert wird die Arbeit durch eigene Spenden (viele Gemeindeglieder zahlen den biblischen Zehnten) und durch Spenden von Christen (Einzelpersonen, Gemeinden und Werke) unseres Landes.
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