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Jugend und Kirche
29 Thesen von Pfarrer Alexander Garth
Sechs Gründe, warum wir Jugendkirchen brauchen
- Eine missionarische Bewegung in unserem Land muss vor allem eine Jugendbewegung sein, denn laut Statistik liegen 80 % aller Bekehrungen im Alter vor dem 25. Lebensjahr.
- Jede Generation muss neu für das Evangelium gewonnen werden. Das heißt auch, jede Generation braucht das Evangelium in ihrer Kultur und christliche Gemeinden in ihrer Kultur.
- Wer Menschen in den neuen Bundesländern mit dem Evangelium erreichen möchte, muss vor allem junge Menschen im Blick haben. Ältere Menschen aus der ehemaligen DDR sind meist so sehr von Atheismus und Christentumsfeindschaft made in DDR geprägt worden, dass die gute Nachricht von ihnen abperlt wie Wasser von einem Ostfriesennerz. Sie sind gegen alles Religiöse immunisiert.
- Besonders junge Leute hungern nach lebenswerten Alternativen. Sie suchen echte Herausforderung für ihr Leben und sind noch offen für ein völlig neues Lebenskonzept. Außerdem sind sie nicht mehr direkt von der kirchen- und christentumsfeindlichen DDR-Ideologie geprägt.
- Besonders junge Leute haben spirituelle Bedürfnisse und hungern nach spiritueller Erfahrung, die sie aber meist in New Age und Okkultismus suchen.
- Jesus fordert seine Jünger auf zur radikalen Nachfolge und einem radikalen Lebensstil der Hingabe an den Willen Gottes. Jugend ist schon immer radikal gewesen. Junge für das Reich Gottes begeisterte Menschen müssen wieder zur geistlich-missionarischen Speerspitze der Kirche werden, oder aber die Kirche verbürgerlicht und sklerotisiert weiter im Mittelmaß betulicher Anständigkeit.
Gründung von Jugendkirchen
- Der effektivste (und biblisch verheißungsvollste) Weg, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, besteht nachweislich in der Gründung (Pflanzung) neuer Gemeinden und missionarischer Gemeinschaften für unerreichte Gebiete und soziale Gruppen innerhalb bereits bestehender Gemeinden bzw. Pfarreien (z.B. Church-Planting-Bewegung in der Anglikanischen Kirche). Das bedeutet, wir müssen (innerhalb unserer Kirchen und Gemeinden) die Gründung relativ selbständiger Jugendkirchen initiieren, fördern (finanzieren) und (geistlich/theologisch) begleiten.
- Jugendkirchen sind eine Übergangsform. Sie entwickeln sich in relativ kurzer Zeit in zwei Richtungen: Erstens, in Richtung Familienkirche, da junge Leute heiraten und Kinder bekommen. Zweitens in Richtung Drei-Generationen-Kirche, da sich ältere Menschen durch das Zeugnis von jungen Menschen bekehren und Heimat finden in der Gemeinde.
- Jugendkirchen sind ein segensreiches Instrument, um die älteren Generationen (Eltern und Großeltern) mit dem Evangelium zu erreichen. Eltern und Großeltern finden zu Jesus und zur Gemeinde, weil sie das Evangelium hören und annehmen durch den Dienst ihrer jugendlichen Kinder und Enkel. Wenn DDR-sozialisierte Menschen mit christentumsfeindlicher Prägung eine Chance haben, zu Jesus zu finden, dann durch die Vermittlung ihrer Kinder und Enkel.
- Jugendkirchen können die Energie und Begeisterung von jungen Menschen synergetisch nutzen, um durch diakonische Initiativen Christus in der Welt zu bezeugen. Dies kann älteren Menschen, die zur Kirche und ihrer Botschaft auf Distanz sind, einen Zugang zum Evangelium ermöglichen.
Inkulturation des Evangeliums
- Jugendkultur ist eine Weltkultur, die zwar in sich sehr differenziert ist. Dennoch lassen sich einheitliche Trends feststellen, die mit den Stichworten Internet, Informationsüberflutung, MTV, globale Musiktrends, Reisen, Englisch als Weltsprache, pausenlose Vernetzung mit PC und Handy, globale Modetrends, Arbeitskräfteüberschuss, globale Werteraster mit Serienvermarktung, ("McWorld"), totale Beschleunigung des Lebens, beschrieben werden können.
- Wie die Shellstudie "Jugend 2000" belegt, schwindet der Einfluss des Christentums und die Attraktivität der Kirche für die Jugend in unserer Kultur gewaltig: "In den bisherigen Formen hat die Kirche wenig Chance, Einfluss auf die junge Generation zu gewinnen". Rückgang des Gottesdienstbesuches von Jugendlichen in den letzten 9 Jahren im Westen von 22% auf 16 %, im Osten: von 10% auf 7%
- Obwohl der Einfluss des Christentums schwindet, steigt das Interesse an Religion signifikant in der Gesellschaft und vor allem unter jungen Leuten. Wir leben am Beginn einer neuen Zeit, die geprägt ist von einer Remythisierung der Gesellschaft (Heinz Zahrnt) und einer Wiederbelebung des Mystizismus. "Die Bastionen der Aufklärung werden nicht geschliffen. Sie verwittern einfach." (Matthias Horx).
- Kennzeichen dieser neuen Religiosität in unserer Kultur ist, dass sie nicht an der Wahrheit interessiert, sondern fast nur an positiven Erfahrungen. Die neue Religiosität folgt einem utilitaristischen und hedonistischen Konzept. Das bedeutet für das Christentum eine zweifache Herausforderung: Erstens: Die Wahrheit Jesu muss apologetisch in die Kultur der Menschen umgesprochen werden. Zweitens: Die Wahrheit Jesu muss erfahrbar sein. Die Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie) wird an Bedeutung gewinnen. "Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein." (Karl Rahner).
- Die Kirche erreicht die Jugendkultur nicht. Jugendliche Christen (egal welcher spirituellen Coloeur) können ihren Freunden das Christentum kaum vermitteln, weil das kirchliche Zuhause ihres Glaubens eine völlig fremde Welt für die meist konfessionslosen postchristlichen Freunde ist, zu der diese einfach keinen Zugang finden. Normale Jugendliche heute haben fast keine Chance, zu Jesus und Kirche zu finden.
- In christlichen Kreisen wird meistens der Adressat von Mission als das Problem dargestellt. Er sei desinteressiert, einseitig materiell ausgerichtet, atheistisch geprägt, oberflächlich, fun-&action-orientiert, er sei zu tief in Sünde verstrickt, nicht an der Wahrheit interessiert usw. Dagegen: Jugendliche hungern nach Spiritualität und Gotteserfahrung. Das Problem von Mission in der Jugendkultur ist nicht der Adressat von Mission, sondern der Träger von Mission, sprich die Kirche bzw. die Gemeinde.
- Inkulturation ist ein zentraler Begriff aus der Missionstheologie und setzt die Unterscheidung von Evangelium und Kultur, Inhalt und Form (Verpackung) voraus. Inkulturation bedeutet die Übersetzung des Evangeliums in eine andere Kultur mit ihrer Sprache, Musik, Mode, Kunst, ihren Riten und ihrem Lebensstil. Etwas Fremdes (das Evangelium) wird verknüpft mit etwas Vertrautem (die eigene Kultur).
- Jesus ist nicht gekommen, um eine neue Kultur zu schaffen, sondern um die Menschen in ihren Kulturen zu erlösen.
- Mission wurde in der Geschichte häufig als Kulturexport praktiziert. Statt die "Eingeborenen" zu bekehren und ihnen dann zu helfen und sie freizusetzen, das Evangelium in ihre Kultur zu übersetzen und zu artikulieren, wurden die Bekehrten ihrer Kultur entfremdet und ihnen eine europäische "christliche" Kultur übergestülpt
- Missionarische Jugendarbeit ist ein Übersetzungsvorgang des Evangeliums in die Kultur der jungen Menschen, also Inkulturation des Evangeliums in die Jugendkultur. Das bedeutet weiter: Jede Generation muss Kirche für sich neu erfinden. Wir müssen heute die Kirche für die bauen, die in 10/20 Jahren unser Land und diese Welt leiten werden.
- Inkulturation beinhaltet die Verkündigung des Evangelium an Jugendliche mit möglichst wenig formellen Vorgaben (Jugendarbeit ohne Kulturexport). Die Jugendlichen bestimmen den Stil! Jugendliche müssen frei gesetzt werden, das Evangelium in ihrer Kultur vollmächtig zu verkündigen und in ihre kulturelle Sprache (Musik, Formen des Gebetes) umzusetzen.
- Leiter und reifere Christen sind berufen, ihren Dienst in die nächste Generation zu multiplizieren und junge Christen zu motivieren und zu trainieren, Reich Gottes in die Jugendkultur hinein zu bauen.
- Zwischen Kultur und Evangelium muss es eine Wechselwirkung geben. Das Evangelium dringt in eine Kultur ein und artikuliert sich in den konkreten kulturellen Kontext (Sprache, Musik, Gottesdienststil, kirchliche Praxis). Menschen aus diesem Kulturbereich werden durch die Wahrheit Christi verändert und verändern in der Folge ihre Kultur und prägen sie mit christlichen Werten. Mit anderen Worten: Das Christentum wird die Jugendkultur positiv beeinflussen, wenn es distinktiv gelebt wird.
Jugendkirche und Volkskirche
- Aber es gibt doch ein flächendeckendes Netz von christlichen Gemeinden? Die Volkskirche hatte es in ihrer Geschichte nicht wirklich nötig zu missionieren. Jeder Untertan gehörte zwangsweise (mit Ausnahme der Juden) zu einer Pfarrei (Parochie), in der er auf religiösem Gebiet versorgt wurde. Die Kirche hat sich jahrhundertelang darauf ausgeruht, dass sie die Menschen hat und betreut. Jetzt, wo diese aus der Zeit der geschlossenen Gesellschaft stammenden Strukturen einfach verschwinden, herrscht Krisenstimmung.
- Die liberale Theologie hat mit ihrer Einebnung der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen durch Jesus Christus und mit ihrer Anpassung an einen postmodernen Synkretismus in der Kirche eine unmissionarische (missionsfeindliche?) Atmosphäre geschaffen. Die Kräfte in der Kirche, die für die Autorität von Bibel und Bekenntnis und der Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung eintreten, werden offen oder latent als Fundamentalisten diffamiert und an den Rand der Kirche gedrängt. Das macht missionarische Jugendarbeit in weiten Teilen der Kirche fast unmöglich.
- Die kirchliche Arbeit trägt den missionarischen Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft kaum Rechnung, da sie es nie gelernt hat, das Evangelium in andere Kulturen zu übersetzen. Die Arbeit der Kirche zielt vor allem auf Betreuung der Insider. Das sind vor allem alte Menschen. Kirchgemeindliche Arbeit wird in der Öffentlichkeit weithin als Seniorenarbeit wahr genommen.
- Kirchliche Jugendarbeit geschieht weithin nicht als Übersetzung des Evangeliums in die Kultur der Jugend. Die meisten Jugendleiter machen Jugendarbeit in den kulturellen Formen, in denen sie als Teenies Jugendarbeit erlebt haben und darin zum Glauben gekommen sind, d.h. meist im Stil der achtziger Jahre: (Friedensbewegung, Öko-Look, Müsli-Idylle, Lobpreis im Abba-Sound, Liedermacher mit Gitarre und Rauschebart usw.)
- Der kirchliche Konfirmandenunterricht ist meist der Versuch, Jugendliche in eine ihnen fremde Kirchenkultur zu integrieren, statt sie freizusetzen, Christsein in ihre Kultur zu übersetzen und in ihrer Kultur Christus zu repräsentieren.
- Entsprechend sind in den christlichen Jugendgruppen häufiger Menschen anzutreffen, die von ihrer Grundausrichtung bewahrend und harmoniebedürftig sind. Trendsetter, Avantgardisten, Querköpfe und Visionäre sind eher die Ausnahme. Ihnen ist Kirche (auch Freikirche) zu unkreativ, zu brav, zu wenig innovativ, zu sehr voraussagbar und damit zu langweilig.
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